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Harninkontinenz bei Frauen

In Deutschland ist gut jede dritte Frau von Inkontinenz betroffen. Das heißt, die Betroffenen haben Schwierigkeiten, ihre Blase zu kontrollieren. Alles Wichtige über Ursachen, Symptome und Behandlung der Harninkontinenz.

 

Was ist Inkontinenz? (Definition)

Menschen mit Inkontinenz (lat. incontinentia „Nichtverhalten [als Unvermögen]“) können ihren Blasen- und/oder Darmtrakt nicht sicher kontrollieren. Das heißt, sie haben Schwierigkeiten ihren Urin oder Stuhl zu halten. Mediziner unterscheiden daher auch zwischen Harn- und Stuhlinkontinenz. In diesem Beitrag geht es um Harninkontinenz. Erfahren Sie mehr über Stuhlinkontinenz in unserem Beitrag „Aponova-Lexikon: Stuhlinkontinenz“.

Was sind die Anzeichen von Harninkontinenz? (Symptome)

Woran Menschen eine Inkontinenz erkennen, hängt auch davon ab, welche Form der Blasenschwäche vorliegt. Eine Übersicht.

  • Bei der Belastungsinkontinenz kommt es zu einem unwillkürlichen Urinverlust, sobald sich der Druck im Bauchraum erhöht – etwa durch Anheben oder Tragen von schweren Gegenständen, Lachen, Husten oder Niesen. Oft verlieren die Betroffenen nur sehr wenig Urin (ein paar Tropfen), möglich ist jedoch auch ein Urinverlust im Strahl. Typischerweise verspüren die Betroffenen keinen Harndrang, bevor sie den Urin ungewollt verlieren.
  • Bei der Dranginkontinenz kommt es zu einem plötzlich einsetzenden, übermäßig starken Harndrang, obwohl die Blase noch gar nicht voll ist. Diesen starken, manchmal gar „überfallartigen“ Harndrang können die Betroffenen nicht halten und es kommt zum Urinverlust.
  • Bei der Mischinkontinenz treten Symptome der Belastungsinkontinenz zusammen mit denen der Dranginkontinenz auf.
  • Bei der Überlaufinkontinenz läuft die volle Blase quasi über und es treten ständig kleine Urinmengen aus. Betroffene haben daher oft das Gefühl, dass es ständig „tröpfelt“.
  • Bei der Reflexinkontinenz spüren Betroffene nicht mehr richtig, wann ihre Blase gefüllt ist und können daher auch die Entleerung nicht mehr steuern. In der Folge entleert sich die Blase für gewöhnlich in unregelmäßigen Abständen– meist jedoch nicht vollständig.
  • Bei der extraurethralen Inkontinenz verlieren die Betroffenen ständig Urin. Die Ursache hierfür liegt außerhalb der Harnwege – das heißt, der Urinabgang erfolgt durch andere Öffnungen als die Harnröhre (lat. urethra, von griech. ουρήθρα ourḗthrā „Harnröhre“; lat. extra „außerhalb“). Gründe hierfür sind häufig angeborene oder erworbene Fehlbildungen. Eine weitere mögliche Ursache bei Frauen sind sogenannte Blasen-Scheiden-Fistel, also ungewollte Verbindungen zwischen Blase und Scheide, hervorgerufen durch Unfälle oder nach gynäkologischen Operationen. Die extraurethrale Inkontinenz wird daher auch als „absolute Inkontinenz“ bezeichnet.

Wie entsteht Harninkontinenz? (Ursachen)

An der Kontrolle unseres Harn- und Stuhldrangs sind nicht nur Muskeln und Nervenverbindungen des Beckenbodens beteiligt, sondern auch bestimmte Regionen in Gehirn und Rückenmark. Inkontinenz kann daher verschiedene Auslöser und Ursachen haben.

  • Das Alter

Ab dem 20. Lebensjahr nimmt die Muskelmasse im Körper für gewöhnlich ab. Das betrifft auch die des Beckenbodens, wodurch das Risiko steigt, ungewollt Urin zu verlieren. Da die Muskeln des unteren Harntrakts mit den Jahren an Elastizität verlieren, fällt es vielen Frauen mit zunehmendem Alter auch immer schwerer, ihre Blase vollständig zu entleeren. So bleibt häufig ein Restharn zurück und das Risiko einer Überlaufinkontinenz steigt.

  • Schwachstelle Beckenboden (genetische Vorbelastung)

Frauen sind meist stärker von Inkontinenz betroffen als Männer. Das liegt unter anderem daran, dass sie von Geburt an meist ein breiteres Becken haben und ihre Beckenbodenmuskulatur schwächer ausgeprägt ist. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist das durchaus sinnvoll. Denn nur so kann sich die Gebärmutter während der Schwangerschaft ausdehnen; ein breites Becken erleichtert auch die Geburt. Der weibliche Beckenboden besitzt zudem drei Öffnungen (für Harnröhre, Scheide und Enddarm), während es beim Mann nur zwei sind. Auch das macht die weibliche Blase anfälliger für Inkontinenz.

  • Schwangerschaft und Geburt

Bei gut jeder zweiten Frau kommt es bereits während der Schwangerschaft zur sogenannten Belastungsinkontinenz. Der Grund: Durch das Ungeborene wird die Gebärmutter größer und nimmt an Gewicht zu. Drückt sie dann auf die Blase, steigt der Harndrang. Um sich auf die Geburt vorzubereiten, schüttet der Körper außerdem mehr Östrogene aus. Das macht das Gewebe und damit auch die Beckenbodenmuskulatur weicher und nachgiebiger. Für die Entbindung ist das essenziell. Das Problem: Je weicher Gewebe und Beckenbodenmuskulatur werden, desto weniger können sie die Organe im Beckenboden halten. In der Folge kann schon eine leichte Beanspruchung der Bauchmuskulatur – etwa durch ein Niesen oder Lachen – dazu führen, dass schwangere Frauen unwillkürlich Urin verlieren. Bei der Geburt kann zudem die Muskulatur des Beckenbodens überdehnen, was das Inkontinenzrisiko ebenfalls erhöht. Kommt es während der Geburt zu Verletzungen im Becken – etwa durch Überdehnung – können die dort sitzenden Bänder „ausleiern“. Das Bindegewebe gibt nach und die Organe, die im Beckenboden sitzen, rutschen mit der Schwerkraft nach unten.

  • Wechseljahre

Das weibliche Hormon Östrogen trägt nicht nur dazu bei, dass sich die Schleimhäute der Vagina, sondern auch die von Harnröhre und Blase regenerieren. In den Wechseljahren (oder auch während einer Antihormontherapie bei Brustkrebs) fährt der Körper seine Östrogenproduktion herunter. Hierdurch werden die Schleimhäute der Blase und der Harnröhre dünner und es kann passieren, dass die Harnröhre nicht mehr ganz dicht abschließt. Oft nimmt im Zuge der Wechseljahre auch die Durchblutung der Blase ab. Das führt zwar nicht zur Inkontinenz, macht die Blase aber anfälliger für Infektionen – und häufige Blasenentzündungen können das Risiko einer Blasenschwäche erhöhen.

  • Übergewicht

Das zusätzliche Gewicht erhöht den Druck auf den Bauchraum. Die Folge: Die Beckenbodenmuskulatur wird stärker belastet, das Körpergewicht drückt Blase und Harnröhre nach unten und das Risiko einer Belastungsinkontinenz steigt.

  • Neurologische Erkrankungen

Für die Regulation unserer Blasenentleerung ist unter anderem das Miktionszentrum im Gehirn verantwortlich. Durch Erkrankungen wie Alzheimer, einen Schlaganfall oder Parkinson wird häufig Hirngewebe zerstört – und das beeinflusst die Kontrolle des Miktionszentrums. Auch Erkrankungen des Rückenmarks sowie Multiple Sklerose oder Tumore können Einfluss auf die Blasenfunktion haben – ebenso wie eine Querschnittslähmung.

  • Medikamente

Insbesondere blutdrucksenkende Arzneimittel, harntreibende Präparate oder Psychopharmaka scheinen die Kraft des Blasenmuskels zu schwächen.

 

Wie wird Blasenschwäche behandelt? (Therapie)

Die Art der Behandlung hängt auch davon ab, welche Art der Inkontinenz vorliegt. Aus diesem Grund lassen sich auch keine pauschalen Therapieempfehlungen geben. Dinge, die helfen können, sind:

  • Lebensstil ändern

Wer unter Belastungsinkontinenz leidet, kann beispielsweise versuchen, das Heben schwerer Gegenstände zu meiden und auf harntreibende Getränke wie Kaffee und schwarzen Tee zu verzichten. Wer chronischen Husten oder immer wieder Blasenentzündungen hat, sollte diese behandeln lassen.

Vorsicht: Nicht gut ist es, einfach weniger zu trinken. Denn um gut zu funktionieren, braucht Ihr Körper Flüssigkeit.

Tipp: Sogenannte Miktionsprotokolle können Ihnen helfen, Strategien zu entwickeln, um im Alltag besser mit der Inkontinenz umzugehen. Hierfür notieren Sie Trinkzeiten und -mengen, die Uhrzeiten, wann Sie auf Toilette müssen, und auch, wie viel Urin Sie wann ungewollt verlieren. Die Notizen können Ihnen dabei helfen, Toilettengänge gezielter einzuplanen und mit Ihren geplanten Aktivitäten abzustimmen.

  • Gewicht reduzieren

Wer sein Übergewicht reduziert, entlastet oft auch Harnröhre und Blase. Wer abnimmt, sollte jedoch darauf achten, trotzdem genug zu trinken. Denn konzentrierter Urin reizt die Blase und kann dadurch den Harndrang verstärken.

  • Beckenbodentraining

Mit gezielten Übungen können Sie Ihre Beckenbodenmuskulatur stärken. Die Übungen werden in der Regel im Rahmen einer Physiotherapie erlernt. Wichtig ist es jedoch, zu Hause weiter zu trainieren.

Hinweis: Mit regelmäßigem Beckenbodentraining können Sie einer Belastungsinkontinenz auch vorbeugen. Empfehlenswert sind zudem alle Sportarten, die den Beckenboden entlasten oder stärken. Dazu gehören beispielsweise Radfahren, Schwimmen, (Nordic) Walking und Yoga. Ungünstig sind hingegen Übungen, die ihre Blase – etwa durch Springen – „nach unten“ pressen. Tennis, Squash, Karate, Reiten und Jogging sollten Menschen mit Inkontinenz daher eher meiden. Für Frauen gibt es zum Training des Beckenbodens auch spezielle Hilfsmittel wie Biofeedback-Geräte oder Elektrostimulatoren.

  • Medikamente

Zur Behandlung der Drang- oder Belastungsinkontinenz helfen beispielsweise Medikamente der Stoffgruppe Anticholinergika. Sie entspannen den Blasenmuskel und dämpfen dadurch den Harndrang. Bei Belastungsinkontinenz hat sich auch der Wirkstoff Duloxetin bewährt. Anfangs verursacht er zwar häufig Nebenwirkungen, etwa Übelkeit, in der Regel verschwinden diese aber nach gut zwei Wochen wieder. Eine hyperaktive Blase (Reflexinkontinenz) kann zudem mit muskelentspannenden Medikamenten behandelt werden. Bei der Überlaufinkontinenz werden Arzneimittel der Stoffgruppe Cholinergika empfohlen. Sie helfen, den Blasenmuskel zu aktivieren.

Hinweis: Natürlich geht es auch anders herum. Das heißt, die Inkontinenz kann auch die Nebenwirkung eines Medikamentes sein. In diesem Fall lohnt es sich, ärztlichen Rat einzuholen. Vielleicht können Sie das Medikament wechseln.

  • Hilfsmittel

Dazu gehören etwa spezielle Vorlagen in verschiedenen Saugstärken, Einmalschlüpfer mit eingearbeiteter Vorlage oder sogenannte Inkontinenzslips. Allgemein wird bei Hilfsmitteln bei Harninkontinenz zwischen aufsaugenden, ableitenden und funktionell-anatomischen Inkontinenzprodukten unterschieden. Mehr hierzu erfahren Sie im Beitrag „Harninkontinenz: Das richtige Hilfsmittel finden“.

Hinweis: Normale Monatsbinden sollten Sie lieber nicht verwenden. Sie speichern meist nicht genug Flüssigkeit. Das ist nicht nur unangenehm, sondern führt oft auch zur Geruchsbildung.

  • Östrogene

Frauen, die ihre Inkontinenz aufgrund eines Östrogenmangels in der Menopause entwickeln, kann eine lokale Behandlung des Harn- und Genitalbereichs helfen – etwa mit östrogenhaltigen Salben (Inhaltsstoff: Östriol) oder durch das Einführen von Östrogenscheidenzäpfchen.

  • Biofeedback

Frauen, denen es schwerfällt, ihre Beckenbodenmuskeln zu spüren und gezielt zu aktivieren, können auch ein Biofeedback-Gerät testen. Dazu wird eine kleine Sonde im Enddarm oder in der Scheide platziert. Diese zeigt an, wie gut die gewünschten Muskeln angespannt werden, und gibt damit objektives Feedback.

  • Elektrostimulation

Bei dieser Methode werden mit einem Elektrostimulator die Nerven der Harnblase mit kleinen elektrischen Impulsen gereizt. Dies stimuliert die Nerven und soll sie dazu anregen, äußere Reize wahrzunehmen und weiterzugeben.

  • Operation

Gerade bei der Belastungsinkontinenz hat sich die sogenannte TVT-Operation (tension-free vaginal tape) bewährt. Hier wird ein kleines Kunststoffbändchen operativ unter die Harnröhre gelegt. Diese „dauerhafte Einlage“ hilft, die Harnröhre zu stabilisieren.

Hinweis: Dies funktioniert nur, wenn der Blasenschließmuskel noch intakt ist. Für den Eingriff reicht in der Regel eine lokale Betäubung.