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Harninkontinenz: Das richtige Hilfsmittel finden

Für Menschen mit Blasenschwäche gibt es verschiedene Arten von Inkontinenz Hilfsmitteln. Wir erklären die Unterschiede zwischen aufsaugenden und ableitenden Inkontinenzprodukten und wann Sie Anspruch auf Kostenübernahme durch Ihre Krankenkasse haben.
Hilfsmittel bei Harninkontinenz
Foto: Tobias Gratz

Aufsaugende Inkontinenzprodukte

Sie nehmen den Urin auf und binden ihn in ihrem Gewebe. Um Gerüche zu verschließen, haben viele von ihnen einen sogenannten Superabsorber. Dieser wandelt den Urin in Gel um und verhindert so, dass Bakterien ihn zersetzen. Auch bei Druck von außen kann der Harn nicht wieder austreten. Bei aufsaugenden Inkontinenzhilfen wird zwischen folgenden zwei Systemen unterschieden:

  • Zweiteilige Systeme beziehungsweise „offene Systeme“: Bei diesem Prinzip wird entweder eine Vorlage oder eine Einlage zum Aufsaugen des Urins genutzt. Einlagen werden in die Unterwäsche eingelegt und verfügen über einen Klebestreifen oder seitliche Flügel, um nicht zu verrutschen. Vorlagen sind etwas dicker als Einlagen und verfügen über keine eigene Fixiermöglichkeit. Sie werden daher in Kombination mit Netz- oder Fixierhosen getragen. Zweiteilige Systeme sind besonders gut geeignet für Menschen mit leichter Inkontinenz. Vor- und Einlagen gibt es übrigens nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.
  • Einteilige Systeme, auch „geschlossene Systeme“ genannt, sind Produkte, die die Hüfte komplett umschließen. Hierzu gehören: Inkontinenzslips, Windeln und Windelhosen, aber auch Bettschutzeinlagen. Besonders geeignet sind einteilige Systeme für Menschen mit starker Harninkontinenz sowie für bettlägerige Personen, die ihre Blase nicht kontrollieren können.

 

Wer trägt die Kosten für Hilfsmittel gegen Harninkontinenz?

  • Inkontinenzprodukte sind Hilfsmittel, das heißt, bei einer ärztlich festgestellten Inkontinenz werden die Kosten für eine Versorgung in ausreichender Qualität und Menge grundsätzlich von der Krankenkasse übernommen. Dazu benötigen Sie ein Rezept Ihres Arztes oder Ihrer Ärztin. Die Selbstbeteiligung bei zum Verbrauch bestimmten Hilfsmitteln, die sogenannte gesetzliche Zuzahlung, beträgt 10 Prozent des Erstattungsbetrages, maximal jedoch 10 Euro monatlich.
  • Bei der Versorgung können Patienten grundsätzlich zwischen verschiedenen Leistungserbringern und Herstellern sowie den von ihnen angebotenen Inkontinenzprodukten wählen. Allerdings schränken Beitrittsverträge und Ausschreibungen der Krankenkassen als auch die darin vorgegebenen monatlichen Versorgungspauschalen diese Wahlfreiheit deutlich ein.
  • Auf eigenen Wunsch können Patienten auch eine höherwertige als die Standardversorgung in Anspruch nehmen. Die Differenz zwischen dem Erstattungsbetrag der Krankenkasse und dem tatsächlichen Preis zahlen die Betroffenen dann aus eigener Tasche – die sogenannte wirtschaftliche Aufzahlung.

Ableitende Inkontinenzprodukte

Sie leiten den Harn aus den Harnwegen in einen Behälter oder die Toilette ab. Hierzu gehören:

  • Einmalkatheter werden durch die Harnröhre in die Blase eingeführt und nach erfolgter Entleerung wieder entfernt. In der Fachsprache wird diese Methode als Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK) bezeichnet. Einmalkatheter eignen sich für Menschen, die ihren Urin nicht mehr kontrollieren können – etwa aufgrund einer Querschnittslähmung, einer angeborenen Fehlbildung der Wirbelsäule oder bei Systemerkrankungen wie Multipler Sklerose. Auch nach Operationen am Rückenmark, dem Anlegen eines Uro-Pouches oder einer Neoblase können Einmalkatheter notwendig sein.
  • Für Menschen, die viel unterwegs sind, empfehlen sich Katheter mit einem integrierten Urinbeutel. Die Beutel lassen sich mit einem Klettverschlussband am Oberschenkel fixieren und fangen den Urin sicher auf. Entleert wird der Beutel über ein Ablassventil.
  • Dauerkatheter werden entweder durch die Harnröhre in die Blase oder direkt durch die Bauchdecke gelegt. Die Entleerung wird dann durch eine fremde Person gesteuert – etwa eine Pflegefachkraft. In der Fachsprache nennt man diese Methode Intermittierender Fremdkatheterismus (IFK). Die längerfristige Katheterisierung eignet sich vor allem für Menschen, die pflegebedürftig und bettlägerig sind und deren Blasenentleerung von außen gesteuert werden soll.
    Hinweis: Durch einen Dauerkatheter steigt das Infektionsrisiko. In der Fachsprache werden diese Infektionen auch Katheter-assoziierte Harnwegsinfektionen genannt. Katheter sollten daher immer von einer Fachkraft angelegt werden.
  • Für Männer gibt es auch Urinalkondome. Sie bestehen meist aus Latex, Gummi oder Silikon und werden wie ein gewöhnliches Kondom über den Penis gerollt. An ihrer Spitze haben sie einen kleinen Schlauchansatz. Über diesen wird der Urin in einen Beinbeutel abgeleitet und kann je nach Bedarf mit einem Ablassventil entleert werden. Urinalkondome eignen sich vor allem für Männer mit mittlerer bis schwerer Inkontinenz, die die Kondome selbst anwenden können. Werden die Urinalbeutel bei Menschen verwendet, die bettlägerig sind, wird der Urin in einen Bettbeutel abgeleitet.

Tipp: Testen Sie verschiedene Hilfsmittel und lassen Sie sich bei der Erprobung Zeit! Wenn Sie das für Sie geeignete Hilfsmittel eigenständig nicht finden, tauschen Sie sich mit Ihrem Arzt oder Inkontinenzberater aus. Viele Hersteller schicken auf Nachfrage auch Testprodukte zu.

Hilfsmittel zum Training der Beckenbodenmuskulatur

  • Hilfsmittel für Frauen: Die Muskulatur des Beckenbodens lässt sich beispielsweise mit sogenannten Trainingsgewichten schulen. Die Gewichte sind aus Kunststoff gefertigt, besitzen einen zwischen 20 und 70 Gramm schweren Metallkern und haben in der Regel eine ovale Form. Zum Training wird das Gewicht in die Vagina eingeführt und dann per Muskelspannung gehalten. Besonders geeignet ist das Training für Frauen mit Belastungsinkontinenz bei Beckenbodenschwäche. Frauen, die mit dem An- und Entspannen ihres Beckenbodens Probleme haben, können auch sogenannte Biofeedback-Geräte benutzen. Hier wird eine kleine Sonde in die Vagina eingeführt. Sie misst Stärke, Zeit und Intensität der Muskelkontraktion und überträgt diese auf ein optisches Anzeigegerät.
  • Natürlich ist es auch für Männer gut, die Muskeln des Beckenbodens zu trainieren. Spezielle Hilfsmittel gibt es für sie allerdings nicht. Am besten eignen sich daher ganz normale Übungen, bei denen sie ihren Beckenboden gezielt an- und entspannen. Aufrechtes Stehen, Gehen und Sitzen kräftigt die Beckenbodenmuskulatur ebenfalls.

Funktionell-anatomische Inkontinenzprodukte

Sie unterstützen bei Frauen die natürliche Haltefunktion des Beckenbodens und beugen somit einem unfreiwilligen Urinverlust vor.
Zu diesen Produkten gehören beispielsweise Vaginaltampons und Pessare. Sie werden in die Vagina eingeführt, richten den Blasenhals auf und verhindern damit einen unfreiwilligen Harnverlust. Vaginaltampons können bis zu 16 Stunden in der Vagina getragen werden und müssen beim Wasserlassen nicht herausgeholt werden. Nachts und während der Menstruation sollten sie jedoch nicht verwendet werden. Funktionell-anatomische Inkontinenzprodukte eignen sich besonders für Frauen mit Belastungsinkontinenz.